“Die notorische Frankfurter-Täuschung”

Optische Täuschungen & Sehphänomene von Michael Bach

icon

Was sehen wir hier?

Wenn Sie zwei ungefähr gleiche ausgerichtete Augen haben, werden Sie eine “Wurst” vor sich schweben sehen, wenn Sie diese Schritte befolgen:

Wie funktioniert das?

Die Täuschung einer schwebenden Wurst entsteht aufgrund zweier Mechanismen: 1. Physiologische Doppelbilder und 2. der Wettstreit zwischen den beiden Augen (“Wettstreit” ist der korrekte Terminus technikus, man kann auch “binokulärer Wettstreit” sagen, englisch “binocular rivalry”; das Ganze ist ein Spezialfall von perzeptuellem Wettstreit {Wahrnehmungswettstreit}).

Wenn Sie auf Ihre Finger schauen, ist die Blickrichtung der beiden Augen einander zugeneigt. Ihre beiden Blicklinien treffen auf das Ziel. Wenn Sie dann allerdings in die Ferne sehen, bewegen sich Ihre Augen leicht nach außen, so dass die Blicklinien fast parallel verlaufen. Die Augen haben daher für nahe Objekte nicht mehr die richtige Position. Das Bild, das vom rechten Auge wahrgenommen wird, kann so nicht mehr mit dem Bild des linken Auges verschmolzen werden und erscheint in Ihrem “inneren Auge” deshalb doppelt. Das ist ein ganz gewöhnlicher Vorgang und passiert ständig. Normalerweise werden diese doppelten Bilder aber nicht wahrgenommen. Warum sieht man sie normalerweise nicht? Wenn die beiden Bilder sich überschneiden, warum sieht dann das zusammengesetzte Bild nicht aus wie in der Grafik hier rechts?

Hier kommt der zweite Mechanismus ins Spiel: Zwischen den Wahrnehmungen der Fingerenden entsteht eine Art Wettstreit, wenn das Gehirn versucht, die beiden Bilder miteinander zu kombinieren. Ein Auge sieht, dass der Finger endet, das andere sieht aber dass er weitergeht.

Was tut also das Gehirn in so einer Situation? Wenn beide Bilder sich ähnlich sehen, schwankt die Wahrnehmung zwischen den Alternativen. Aber bei in diesem Fall ist der farbliche Unterschied zwischen dem Fingerende und dem Hintergrund groß. Deshalb gibt es in einem Auge einen starken Kontrast zwischen Fingerende und Hintergrund. Wenn zwischen den beiden Augen ein Wettstreit besteht, “gewinnt” jedes Auge da, wo es den höheren Kontrast wahrnimmt. Das Bild, das vom anderen Auge wahrgenommen wird, wird unterdrückt. In der Grafik links wird dieser starke Kontrast symbolisiert durch dend gelben Halo.

Quellen

Sharp WL (1928) The floating-finger illusion. Psychological Review 35(2):171–173 (Dank an Manfred Fahle der das Original fand)

Alais & Blake 2004: a book on binocular rivalry

Randolph Blake’s pages on rivalry (with demos)

Wikpedia on binocular rivalry

Weitere Informationen auf Englisch   |   ↑ Alle Sehphänomene