Allergrößtes Verständnis habe ich dafür, dass Frauen sauer sind – zu lange hatten sie weniger Rechte und Möglichkeiten. Heute ist das besser, aber noch nicht gut genug. Auch wenn man wegen des bias beim “gender pay gap” zu unterschiedlicher Höhe kommen kann (→maiLab), doch ist er sicher da. Der Ärger über die Situation führt zum bekannten Pendeleffekt: jetzt wird an manchen Stellen übertrieben.

Mich stört der “Genderstern”. Eigentlich steht er nicht für Frauen, sondern für “Nichtbinäre” (Wikipedia) – schon das ist weitgehend unbekannt. Das generische Maskulinum wird nicht gewürdigt, dabei: wäre es nicht generisch, könnte man gar keine -in/innen-Form bilden. Auch wäre ein Satz wie “unseren Grundschulen fehlen männliche Lehrer” tautologisch (→sehr gutes neues Buch, nicht nur dazu). Mich stört es auch überhaupt nicht, dass “Waise” oder “Geisel” weibliches Wortgeschlecht haben. Nun ist diese Sichtweise des generischen Maskulinums offenbar manchen nicht progressiv genug, und statt der “Binnenmajuskel” (BürgerInnen) wird der Stern gesetzt.

Den Stern halte ich für besonders ungeeignet: (1) Er ist schon für Fußnoten vorbesetzt, (2) er stört meine unbewusste Leseblicksprung-Strategie und (3) schafft neue Ausgrenzungen.

Zu (1): Außerdem ist der Stern dort zunächst mal ein Rechtschreibfehler ;)

Zu (2): Der Stern * ist anders als alle anderen Buchstaben, und daher zieht er automatisch den Blick auf sich, er hat die sog. “pop-out”-Eigenschaft. Damit wird der Fluss meiner automatischen Blicksprünge beim schnellen Lesen laufend unterbrochen. Das nervt mich leider sehr, ich empfinde den * als Mikroagression. [Ich suche ein Browser-Plugin, das die Sterne durch ‘/’ ersetzt 😜.]
Nachtrag: Juhu, z.B. für FireFox “FoxReplace”. Damit wird jetzt automatisch auf jeder Seite “* i” mit “/i” ersetzt. Schon mal besser. Und in Safari habe ich’s auch gelöst mit dem userscript-manager TamperMonkey.

Zu (3): Zu neuen Ausgrenzungen weiß ich bislang zwei große Personengruppen: zum einen alle Sehbehinderte, die Vorlesegeräte einsetzen, und die Legastheniker. Die Lesegeräte werden durch den ‘*’ und auch den ‘:’ “gekillt”; bei Legasthenikern wird es der Pop-out-Effekt sein (zum Mechanismus kenne ich aber keine Daten, das ist nur eine Vermutung von mir).

Wo bleibt nun das Positive? Hier eine Tabelle möglicher Lösungen mit meinen Einschätzungen:

VerfahrenVorteil(e)Nachteil(e)
generisches Maskulinumkorrekt, kurzwird als ausgrenzend vermutet
Liebe Bürgerinnen und Bürger…deutliche Betonung, dass beide Geschlechter gemeint sindumständlich
BinnenMajuskelstarke Betonung, dass beide Geschlechter gemeint sind –
 *   (Stern)(zu) starke Betonung, dass beide Geschlechter gemeint sindpop-out, starke Leseschwierigkeiten
 :   (Doppelpunkt)deutliche Betonung, dass beide Geschlechter gemeint sindLeseschwierigkeiten je nachdem, stört Blindenlesegeräte
 _   (Unterstrich)(zu) starke Betonung, dass beide Geschlechter gemeint sindhäßliches Schriftbild
 /   (Schrägstrich)deutliche Betonung, dass beide Geschlechter gemeint sind


Meine Schlussfolgerungen:


FAQ (wird noch länger…)


PS: Diesen Text habe ich im Juli 2021 verfasst, und werde ihn überarbeiten, sobald mich neue Gesichtspunkte oder Daten überzeugen.